stationär

Veröffentlicht am:

Wo laufen sie denn...?

Ein Jahr Pflegegrade und ihre Auswirkungen auf die Praxis

Das Pflegeheim Lindenriek in Burgwedel bei Hannover hat die Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade konsequent durchgeführt und im Verlauf des zurückliegenden Jahres unterschiedliche Erfahrungen mit dem neuen System gemacht. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Lars Wöhler.

Herr Wöhler, seit dem 1. Januar 2017 gibt es statt drei Pflegestufen fünf Pflegegrade. Die Einstufung erfolgt nach dem neuen Begutachtungsinstrument BI. Soweit die Theorie, wie sieht die Praxis aus?

Technisch betrachtet lief die Umstellung bei uns reibungslos, weil unsere Pflegesoftware die Umrechnung pünktlich und zuverlässig erledigt hat. In der Praxis steckt jedoch viel mehr dahinter als eine simple Rechenaufgabe. Um vorhandene Einstufungen überprüfen oder neue Bewohner richtig einstufen zu können, müssen Pflegekräfte intensiv geschult werden. Da gibt es in der Branche immer noch einen großen Bedarf.

Wie haben Sie das gelöst?

Wir wollten unsere Mitarbeiter möglichst schnell auf den neuesten Stand bringen und haben dafür umfangreiche Schulungen durchgeführt. Jede Fachkraft bekam einen ganzen Tag Schulung und konnte dann ihr Wissen in Begleitung ausprobieren. Wir haben gemeinsam geschaut, ob die jeweilige Probeeinschätzung mit dem rein rechnerischen Ergebnis der Überleitung auf die Pflegegrade übereinstimmte.

Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Das BI ermöglicht unseren Fachkräften eine sehr differenzierte Einschätzung. Bei mehreren Bewohnern, die von Pflegestufe 1 auf Pflegegrad 2 umgeleitet worden waren, war nach Einschätzung der Fachkraft eher der Pflegegrad 3 angebracht. Sämtliche Höherstufungsanträge, die wir daraufhin gestellt haben, wurden genehmigt. Heute läuft das Pflegegradmanagement bei uns sehr gut. Der MDK stimmt den von uns ermittelten Ergebnissen bislang fast ausnahmslos zu – ein klarer Beleg dafür, dass die Fachkraft ihre Bewohner kennt und die Beurteilung mit dem BI fun-diert vornehmen kann. Das kommt uns auch bei Widerspruchsverfahren sehr zugute.

Führt das BI zu einer anderen Art der Pflege?

Am Bewohner selbst bzw. an seiner Pflege ändert sich kaum etwas. Allerdings sind für den Pflegegrad jetzt Punkte relevant, die im alten Pflegestufensystem keine Rolle spielten, zum Beispiel wirken sich kognitive Einschränkungen stärker aus. Durch den einheitlichen Eigenanteil brauchen Pflegebedürftige jetzt nicht mehr zu befürchten, sich bei einer Zustandsverschlechterung die Pflege nicht mehr leisten zu können. Das ist positiv.

Wie wirkt sich das neue System generell auf die Beteiligten aus?

Für Pflegebedürftige ist der Eintritt in das "System Pflege" einfacher geworden, ein Pflegegrad ist schneller erreicht als früher eine Pflegestufe. Selbst wenn die Menschen anfangs noch in der häuslichen Umgebung bleiben, wird der Wechsel in eine stationäre Einrichtung einfacher, wenn sie schon einmal in der Pflegeversicherung erfasst sind. Allerdings ist es mit dem neuen System schwieriger, einen Pflegegrad 5 zu erreichen.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Personalknappheit und Pflegegrad?

Der Personalschlüssel verhält sich proportional zu den vorhandenen Pflegegraden. Einfach ausgedrückt: Je höher der durchschnittliche Pflegegrad einer Einrichtung, desto mehr Personal ist vorzuhalten. Dies wird durch die höhe-ren Pflegesätze der Kostenträger refinanziert. Hat eine Pflegeeinrichtung eine große Zahl an Bewohnern mit niedrigem Pflegegrad, so sieht die aktuelle Regelung weniger Personal vor bzw. die Pflegesätze lassen eine Personalaufstockung nicht zu, obwohl gerade Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Weglauftendenz deutlich mehr Betreuung benötigen als beispielsweise Wachkomapatienten. Hier gibt es noch Nachsteuerungsbedarf durch die Politik und/oder die Kostenträger.

Ihr Fazit zum Begutachtungsinstrument und den Pflegegraden?

Das BI hat eindeutig mehr Fachlichkeit in die Pflege gebracht. Einstufungen erfordern eine genaue Beobachtung des Menschen durch die Pflegekraft und sind das Ergebnis eines komplexen Berechnungsverfahrens. Es geht weniger um Bauchgefühl, sondern um die fachliche Beurteilung und eine klare Nachvollziehbarkeit. Pflegekräfte sollten daher sehr genau wissen, wie die Themenfelder aus dem Begutachtungsinstrument bepunktet werden. Kleinigkeiten wie ein paar Medikamentengaben mehr können sich u.U. schon auf den Pflegegrad auswirken. Ich empfehle daher allen Einrichtungen, viel Wert auf Schulungen zu legen und die Einstufungen ihrer Bewohner im Blick zu behalten, damit Pflegeaufwand und Vergütung langfristig in einem ausgeglichenen Verhältnis stehen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wöhler.

 

Lars Wöhler ist staatlich examinierter Altenpfleger und Fachkraft für Leitungsaufgaben in der Pflege sowie Heimleiter. Seit 2014 ist er Geschäftsführer des Seniorenpflegeheims Lindenriek, einer vollstationären Einrichtung mit 122 Bewohnern in Burgwedel bei Hannover. Im Rahmen der Entbürokratisierung der Pflege war er als offizieller Multiplikator zur Implementierung des Strukturmodells tätig und führt nach wie vor regelmäßig Schulungen für Pflegekräfte durch.


Zurück