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5 Fragen an: Diana Heinrichs – Geschäftsführerin von Lindera

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Geht nicht gibt’s nicht? Diana Heinrichs hat das Unmögliche eben doch möglich gemacht: „Ich habe immer gehört, dass es nicht geht – aber konnte die Gründe, die dagegensprachen, nicht wirklich nachvollziehen“. Zusammen mit ihrem Team von Lindera hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, mittels digitaler Mobilitätsanalyse und künstlicher Intelligenz Risikofaktoren zu identifizieren, um Stürzen im Alter entgegenzuwirken. Das Ziel: Digital abgestimmte Maßnahmenplanung, systematische Pflegedokumentation, geringe Kosten und vor allem die Entlastung von Pflegekräften sowie Angehörigen stehen dabei an oberster Stelle. Mehr über die Kooperation zwischen Lindera und MediFox sowie über den Antrieb von Diana Heinrichs etwas bewegen zu wollen, lesen Sie jetzt in unserem neusten Interview.

Frau Heinrichs, welches Konzept und welche Motivation steckt eigentlich hinter der Gründung von Lindera?

Pflege war und ist für mich familiär bedingt schon lange ein großes Thema: Meine Oma konnte bis zu ihrem Lebensende zu Hause wohnen – weil es unseren engen Zusammenhalt und die Unterstützung der häuslichen Pflege gab. Doch auch das konnte mehrfache Stürze nicht verhindern. Mir wurde klar, dass es kaum hilfreiche Anwendungen für die Sturzprävention gibt. Als einziges System hat sich der Hausnotruf durchgesetzt, der wie der Name allerdings verrät, erst in Notfällen zum Einsatz kommt und in Situationen, in denen es häufig schon zu spät ist. Die Ursachen für Stürze werden nicht angegangen und – was noch schwerer wiegt – daraus resultiert eine Reihe weiterer Probleme. Vielleicht kennen Sie die Sorgen, die in solchen Momenten die ganze Familie umtreiben: Die Eltern oder Großeltern fallen, trauen sich aber nicht auf einen Knopf zu drücken, weil sie dann ja jemanden bemühen und zugeben müssen, dass sie doch nicht mehr ganz so gut allein klarkommen. Auch für die Krankenkassen ist das ein Schmerzpunkt, denn im SGB V sind Pflegeleistungen sehr teuer.

Zurück zu meiner Oma und der Frage: Warum hat die Pflege bei ihr so gut funktioniert, was waren die Rahmenbedingungen? Meine Familie hat kontinuierlich geschaut, wie wir Stürzen vorbeugen und verhindern können. So besuchte meine Oma regelmäßig Sportkurse, um den Muskelaufbau voranzutreiben; Bewegungsmelder sorgten für ausreichende Beleuchtung in der Nacht. Wir beseitigten Stolperfallen wie z.B. Teppichkanten, kauften ihr passendes Schuhwerk, ließen ihre Seh- und Hörfähigkeiten regelmäßig überprüfen und sorgten dafür, dass ihr Rollator richtig eingestellt ist – wir gingen also immer wieder ganz systematisch viele kleine Schritte.

Genau hier kommt die Technologie ins Spiel. Meiner Meinung nach ist Software der entscheidende Hebel, mit dem das Konzept der strukturierten Sturzprävention auch auf Millionen andere Sturzgefährdete übertragen werden kann. Bei Lindera haben wir das Ziel, weltweite Standards zu setzen. Zuerst mit der SturzApp, die wir in bestehende Gesundheitssysteme integrieren wollen. Unsere Lösung ermittelt wissenschaftlich bestätigt präzise das Sturzrisiko. Das gibt sowohl BewohnerInnen als auch Angehörigen eine ganz neue Grundlage, um das Risiko mit Pflegekräften zu besprechen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen – und letztlich mehr Lebensqualität zu gewinnen.

Ihre Vita ist sehr interessant – Sie waren sechs Jahre lang PR Professional und Business Development Manager bei Microsoft Deutschland. Sicherlich ein großer beruflicher Meilenstein für viele. Was war für Sie der Auslöser für den Schritt in die Selbstständigkeit?

Es war einerseits eine unglaublich gute Schule bei einem amerikanischen Softwareunternehmen zu arbeiten, auf der anderen Seite sind Unternehmen dieser Größe natürlich auch gleichzeitig Vertriebs- und Marketingorganisationen. Der Puls der Zeit schlägt immer im Headquarter – egal ob in Hildesheim oder in Seattle (lacht). Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass wir in Deutschland seit SAP keine großen Softwareunternehmen mehr aufgebaut haben? Dabei wäre so viel mehr möglich: Bei uns in Deutschland und auch in Europa könnten wir so viel mehr Potenzial ausschöpfen und innovative Ideen realisieren.

Ich wollte Innovation in Deutschland voranbringen: Nach unseren Standards, unseren Anforderungen an Datenschutz und unseren hohen Ansprüchen an Qualität. Dafür sind wir hier zu Lande ja auch bekannt (lacht). Und so habe ich mich im Jahr 2016 freistellen lassen und für einen ambulanten Pflegedienst gearbeitet. Während meines Malteserstipendiums konnte ich der Frage nachgehen, was die Pflege wirklich beschäftigt – oder wie AmerikanerInnen fragen würden: What keeps them up at night? Das ist nichts, was man in Studien lernen kann.

Beim Thema Stürze bestand die Lösung für mich in einer Videoaufnahme des Gangbilds. So könnten auch im Nachgang Fragen detailliert beantwortet werden. Während die MedizinerInnen von der Idee eines digitalen, geriatrischen Assessments überzeugt waren, sagten mir viele MathematikerInnen, dass meine Vision so nicht funktionieren könne – denn für 3D-Aufnahmen benötige man immer mehrere Kamerasysteme. „Das geht so nicht“, „das kann so nicht funktionieren“ – immer wieder bekam ich dieselben Einschätzungen zu hören, allerdings konnte und wollte ich das so nicht hinnehmen. Da Aufgeben keine Option für mich war, kontaktierte ich kurzerhand alle DoktorandInnen der Mathematik, Stochastik und Statistik im Norden Deutschlands und fragte sie, ob sie sich dieser Herausforderung stellen wollten – und das wollten sie. So ist unser Data Science-Team bei Lindera entstanden. Seitdem habe ich viele großartige, engagierte Menschen kennengelernt, die unsere Vision unterstützt haben. Seit Anfang 2017 sind wir mit Lindera nun voll durchgestartet.

Lassen Sie uns einmal die Perspektive wechseln: Welche Vorteile bietet die Sturzprävention per App den Pflegekräften?

Wir wollen helfen, die Pflege weiter zu digitalisieren und Pflegekräfte zu entlasten. Dazu gehört die nachhaltige Implementierung digitaler Tools in den Pflegealltag – und zwar schon von Anfang an. Die Möglichkeiten der Technologie müssen bereits in der Ausbildung angehender Pflegekräfte vermittelt werden. Nur so kann sich wirklich etwas bewegen.

Die Digitalisierung ist der Schlüssel, um dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel zu begegnen. Ganz praktisch gesprochen: Unsere SturzApp senkt den Dokumentationsaufwand. So haben die Pflegekräfte mehr Zeit, um sich um die Menschen zu kümmern. Die Qualität der Pflege kann durch digitales Arbeiten dauerhaft verbessert werden. Wer digital und gründlich nach dem Indikatorenmodell arbeitet, wirtschaftet ökonomisch mit der wertvollen Zeit seines Pflegepersonals. Auch weitere finanzielle Faktoren spielen eine Rolle. Stürzen viele BewohnerInnen und müssen ins Krankenhaus, bleiben die Betten in den Einrichtungen leer. Zudem sichert man sich gemäß MDK-Richtlinien für die Qualitätsprüfung ab – und hat alle prüfungsrelevanten Daten vollständig und deckungsgleich griffbereit. Weiterhin ist es ein Thema verschiedene Sprach- und Erfahrungshorizonte auszugleichen, denn häufig gehört Leiharbeit in Pflegeeinrichtungen zum Alltag. Damit stärken wir die Pflege an sich und sorgen für die Aufwertung des Berufs durch intelligentes, digitales und vernetztes Arbeiten.

Jetzt fällt der Startschuss für eine innovative Partnerschaft zwischen Lindera und MediFox – was waren für Sie die ausschlaggebenden Punkte für diese Kooperation, Frau Heinrichs?

MediFox ist einer der dynamischsten Player der Branche, der dank seines modularen Systems Innovation und neue Ideen in den Markt einbringt. Für uns ist MediFox deshalb ein unglaublich wertvoller Partner, der den Einsatz von KI in der Pflege mit uns initiativ angeht. Sowohl menschlich als auch in Bezug auf die Software treibt uns ein gemeinsames Ziel an: Wir wollen die digitale Entlastung der Pflege gestalten und weiterentwickeln.

Welchen Mehrwert haben MediFox KundInnen durch die Zusammenarbeit mit Lindera?

Wenn wir MediFox als Plattform sehen, sind wir ein Pflänzchen, das wir einpflanzen und das entsprechend wächst. Wir wollen keine Insellösung sein, sondern wollen uns in bestehende mobile Lösungen nahtlos integrieren und uns in vorhandenen Strukturen verankern.

Neben allen Vorteilen, die uns innovative Technologien ermöglichen, ist das Thema Nachwuchs in der Pflege ganz zentral: Es ist heute ein enormer Unterschied, ob man mit dem Papier winkt oder es eine durchgängige Strategie gibt, mit der man IT-gestützt im Team arbeiten möchte und im nächsten Schritt auch von KI profitiert, was die Pflege attraktiver als Arbeitgeber macht. Alle Einrichtungen werden digitaler. Es heißt nun „mittdenken“: Wie kann man auch BewohnerInnen und/ oder KlientInnen selbst mit einbeziehen? Neue Perspektiven eröffnet auch das Team von Töchter und Söhne aus Berlin, welches nun ebenfalls ein Teil der MediFox DAN-Familie ist. BewohnerInnen, KlientInnen und Angehörige werden stärker in den Pflegeprozess involviert und aus Zukunftsmusik wird Realität. Dadurch soll die Qualität der Pflege nachhaltig maximiert werden. Doch aktuell arbeiten wir in der Pflege noch immer nach Minuten und nicht nach Zielen, was in der übrigen Arbeitswelt schon lange gelebte Realität ist. Wir wollen zum Umdenken anregen: Weg von der Stechuhr und hin zum zielorientierten Arbeiten. Diesen Umschwung möchten wir mit begleiten und gemeinsam mit MediFox möglich machen.

Frau Heinrichs, vielen Dank für Ihre Zeit und das tolle Gespräch. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit und alles, was noch kommt!

Sie möchten noch mehr über Diana Heinrichs, die Kooperation mit Lindera und die smarte Sturzprävention per App erfahren? Unsere Expertin vom Fach, Francesca Warnecke, hat sich ebenfalls mit Frau Heinrichs zusammengesetzt und für Sie eine neue Podcast-Folge PflegeFaktisch aufgenommen.


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